SACHS (1536)
Hans Sachs, “Erklerung der tafel des gerichts, so der köstlich maler Apelles dem könig Antiocho entwarf“, 1536

Als Apolles, der maler, war

Inn Egipten vor manchem jar

Von dem bösswicht Antopholo

Vor dem könig Ptholomeo,

Auss neid haimlichen ward versaget,

Als ein verreter angeklaget,

Gantz unverhört ergriffen wardt,

Geworffen in ein kercker hart

Und nahet seines kopffs beraubet,

weil der konig dem bösswicht glaubet.

Doch wurd erkundet sein unshuldt

Mit erlangung des königs huld.

Im gfencknuss er dem könig malt

Ein köstlich tafel der-gestalt,

Welche er dem könig zustelt,

Wie die in schrifft hie wird erzelt,

Erstlich sass auff eim hohem thron

Mit ohren gross ein herrlich mon.

Darmit ein richter er andeudt,

Der allen zungen sein ohren peut.

Nebn im stunden zewy schöne weib;

Die erst, ziert mit einfelting leib,

Bedeutet die unwissenheit,

Die offt verfürt den richter weit.

Die ander et den argwon nendt,

Die auch den richter offt verblendt,

Ihm gantz schilrende augen macht,

Den unschulding setzt inn verdacht.

Ein weib auch mit eym steblein zeyget

Deudt: so der richter ist geneyget

Zu schwindem urtheil, gech und eyl,

Mit unverhörtem gegentheil.

Auch het ein weib ein fackel klar,

Die heilt dem jüngling bey dem har;

Deut di vergleckung hindter-rück,

Dardurch er kumbt in ungelück.

Der unschulding hub auff sein augen

Und hend zu Got; in halff kein laugen.

Weil er so gar hart war verkleckt,

Bleibt unschuld mit verdacht bedeckt.

Kinden stund ein alt weib, das wingt;

Bedeudt den neid, der auff in tringt.

Gibt ihm gar manchen schergen-stoss,

Entgeltent, das en nie genoss.

Ein gschmucket weib auch bey ir stund,

Geleich samb mit redentem mund;

Bedeudt auffsatz und hindterlist,

Darmit der arm verweltigt ist.

Ein pawer stund, bedeudt irrsal,

Der sich auch zutregt manich mal.

Wo der richter nit wol drauff mercket,

Wirt er im unrechten gestercket.

Nachmals ein zeygend weibsbild klug

Bedeutet den falsch und betrug

Darmit der richter an dem end

Wirt uberwunden und geblendt.

Ein fraw stund da mit strick und schwerd;

Bedeut die straff, so mit geferdt

Den unschuldigen uberfelt

Und in mit pein unnd marter quelt.

Das traurig weib in dem klagsturtz;

Stund auch in diser tafel kurtz;

Die selbig bedeutet die rew,

So man erkend, mit was untrew

Der unschuldig dargeben sey

Durch falsch listig verreterey.

Das weiblein, das die sunnen trug,

Bedeudt die warheyt, weiss und klug.

Wo die unschuld verdecket leyt,

Bringt sie ans liecht zu rechter zeyt.

Oben stund Gott mit einter wag;

Bedeudt, das Got nit leyden mag

Unghrechtigkeyt; wer die nit lass,

Dem mess er auch mit solcher mass.

Mit dem zeyget Apolles an

Dem könig und sunst yederman,

Das nyemand artheil zu der zeit

Auss argwohn und unwissenheyt,

Ubereil sich nit im verhörn,

Lass sich die lüg auch nit bethören,

Hab acht, ob klag nit kumb auss neid,

Auffsatz bey keynem thail nit leidt,

Auff den irrsal auch fleissig lug,

Hab acht auff allerley betrug

Und schaw, das auch durch kein geferdt

Der verklecket seiner sach,

Eh wann er greiff zu straff und rach,

So darff sein urtheil ihn nit rewen,

Noch vor der hellen warheit schewen,

So die kumpt mit der zeyt ans liecht,

Weil Gott in auch am jüngsten ghricht

Wirt richten nach der warheit strax.

Recht richten ist recht, spricht Hans

Sachs.